Segeln Stand der Dinge und sonst

World Sailing Sicherheitstraining

Im Wasser

Habe ich wirklich geglaubt, wenn ich eine Schwimmweste um habe, bin ich sicher? Nachdem ich beim World Sailing Sicherheitstraining Elsfleth war weiß ich, an dem Satz fehlen zwei Buchstaben. Mit Schwimmweste bin ich sicherER.

Der erste Tag fängt langsam an

Das World Sailing Sicherheitstraining beim “Fire Safety Training” in Elsfleth gibt es quasi einen Hauptact. Die praktische zweieinhalb Stunden Übung mit voller Montur und Schwimmweste im Wellenbad. Drum herum sind noch einige interessante Nebenacts verbaut, die das Wochenende abrunden.

Alles fing ganz ruhig an. Erst einmal Begrüßung und dann über das schmucke Gelände mit Campus, einigen kleinen Firmen und den Räumen der “Fire Safety Training” mit samt Wellenbad. Dieses wurde uns dann gleich mal kurz im Dunkeln mit Sturmsimulation (Wind, Welle, Blitze, Regen) vorgeführt.

Zum Reinkommen präsentierte uns zunächst ein älterer, sehr sympathischer Salzbuckel einen Powerpoint Vortrag über Yachtführung, Crewvorbereitung und was man für die Sicherheit so alles an Bord unternehmen und mitnehmen kann. Rettungsmittel, Notrollen, Sturmsegel und AIS waren die Schlagworte seines Diavortrags.

Notsignale
Notsignale

Vom Stoff her für Katrin und mich nicht ganz so spannend, da wir das meiste bereits beim SSS durchgearbeitet haben, aber sehr nett und kurzweilig vorgetragen. Ein schöner Einstieg in die Materie. Zum Ende des Unterrichtsblocks wurde ein Freiwilliger der Gruppe in das Wellenbad geworfen und auf unterschiedliche Arten geborgen. Mit dem Bergesegel haben wir das auch schon mal Live im Hafen beim SSS Schein ausprobiert. Ist deutlich schwerer als man denkt, jemanden wieder zurück an Bord zu kriegen. 

Danach begrüßte uns Tobias, Chef der Truppe und Typ Fallschirmjäger. Sehr netter Kerl, vor allem, weil er uns dann zum Essen entließ. Passend zu Ort und Zeit gab es Grünkohl, extrem lecker!

Brandabwehr

Nach der Pause hatten wir den Schulungspunkt Brandabwehr.

Sprühdose
So explodiert eine Sprühdose

Zwei Stunden lang wurden wir von einem Feuerwehrmann instruiert, wie man effektiv Brände löschen kann und welche Brandbekämpfer wir an Bord haben sollten. Ich glaube, Katrin und ich rüsten noch einmal etwas auf und besorgen uns noch einen weiteren Löscher. Im praktischen Teil gefiel mir besonders die herbeigeführte Explosion einer Sprühdose. Das Szenario war: Haarspray im Sommer im Auto liegen gelassen. Geht wohl öfter mal schief. Öl mit Wasser löschen ist natürlich immer wieder spektakulär.

Öl mit Wasser löschen
Öl mit Wasser löschen

Praktisch durften wir mit einem Wasserlöscher und einer Löschdecke Brände löschen. 

Signalmittel

So richtig gut fand ich die nach der Kaffeepause folgende Einheit Signalmittel. Bengalos beziehungsweise Handfackeln anzünden. Schon spannend mit 20 Personen nebeneinander zu stehen und den ganzen Vorplatz in dichte Rauchschwaden zu hüllen. Die Dinger brennen lange, hell und vor allem heiß. Der vordere Teil ist ein glühendes Stück. Keine Ahnung, wer auf die scheiß Idee kommt, so Dinger in einem vollbesetzten Stadion zu zünden. 

Rauchfackeln
Rauchfackeln

Der Rauchtopf war eher mager, hilft aber sicherlich in der Eintönigkeit einer Wasserfläche, wenn sich der Hubschrauber zur Suche aufmacht. 

Einweisung für den großen Akt

Die letzten zwei Stunden des Tages gehörten dann wieder Tobias dem Fallschirmjäger. Nein Spaß, Tobias ist wirklich ein netter Mensch. Übrigens genauso wie seine gesamte Crew. Und das meine ich uneingeschränkt. Sein Vortrag war quasi schon mal die Einweisung für den Hauptact, das Wellenbad. Kurz gesagt, worauf müssen wir achten, wenn wir uns eine Rettungsweste oder Insel kaufen und wie nutzen wir Rettungsmittel richtig. Wie stellen wir die Rettungsweste ein, welche Rettungsweste ist gut und wie kommt man in eine Rettungsinsel? Keine schlechte Vorbereitung für den nächsten Tag.

Das Schwimmbad

Der begann für unsere Gruppe dann am Sonntag mit Wellenbad. Hier schon mal einen Tipp für alle, die so einen Kurs planen. Zieht euch so an, als wärt ihr bei schlechtem Wetter auf der Nordsee unterwegs. Das kam bei der Einladung leider für uns nicht so ganz raus, so dass Katrin abends noch eine warme lange Unterhose und eine Sturmhaube gekauft hat. Einige andere haben echt gezittert. Das Wasser hatte zwar angeblich 22 Grad, aber der Regen von oben hatte Aussentemperatur (zum Glück gab es den nicht so oft). Jedenfalls, wenn das 22 Grad waren, wie ist es dann, im Frühjahr in die Ostsee zu fallen?

Schwimmbad
Schwimmbad

Ich selbst hatte mein komplette Ölzeug an. Darunter eine Jeans und Pulli. Zieht keine Gummistiefel an, die verliert man. Eher blöd, wenn man schnell friert. Ich hatte feste Bordschuhe gewählt. Meinen ersten Fehler machte ich, indem ich unsere Ersatzweste mitgenommen hatte. Ich war so ziemlich der Letzte, der ins Wasser gesprungen ist und die verdammte Weste ging nicht auf. Ein Rettungsschwimmer und ich bastelten eine ganze Weile an dem Teil herum, aber nichts passierte, außer dass er irgendwann meine Patrone in der Hand hatte. War nicht richtig festgeschraubt. Na toll, also wieder raus aus dem Wasser. Und fürs nächste Mal merken: “Vorher genau nachsehen, was man für Rettungsmittel mit hat und ob die in einem vernünftigen Zustand sind!” Alle zwei Jahre warten lassen reicht offensichtlich nicht.

Vorsicht mit eigenen Westen

Das zweite war, dass die Weste echter Dreck war. Tobias half mit beim Einschrauben der Patrone und rums, war die Weste aufgeblasen und ich hatte die schwachsinnig angebrachte Patrone genau im Gesicht. Was eine scheiß Konstruktion. Ich nahm die Warnung, dass es mit Patrone im Gesicht äußerst unangenehm in den Wellen wird ernst und wechselte auf eine Leihweste. Angezogen und reingesprungen. Ging auch nicht auf. So langsam war ich bedient. Aber der Rettungsschwimmer erinnerte mich daran, dass die Leihwesten ja manuell ausgelöst werden müssen. Na also, kurz am Bändchen ziehen und zack war sie proppevoll.  Da alle ja bereits auf mich gewartet hatten, hatte ich wiederum keine Zeit zur Wassergewöhnung und Luftregulierung in den Auftriebskörpern.

Die Raupe

Es ging direkt los mit der Raupe. Bei der Raupe verbinden sich alle Teilnehmer mit den Beinen, die man jeweils um den Vordermann schwingt. Nicht zu doll drücken und auf keinen Fall runterziehen. Das mag der Vordermann gar nicht. Ist die Raupe fertig, beginnt der Erste in der Reihe, der Skipper, mit Kommandos, z.B. dass mit den Armen gerudert werden soll. Ich war der Vorletzte und habe nicht mehr viel von den Kommandos mitbekommen. Ich habe immer mit beiden Armen gerudert, auch wenn nur ein Arm dran war. War aber egal, so richtig voran kommt man als Raupe eh nicht.

Im Wasser
Thomas in der Raupe

Nach drei Minuten stieg mein Hintermann, der letzte der Reihe, wegen Übelkeit aus und somit war ich der Letzte. Ich hatte also keinen mehr zum Festhalten, brauchte aber dafür auch nicht mehr mitzupaddeln. Ich musste mich nur noch aufs Festhalten am Mann hinter mir konzentrieren. Außerdem bekam ich jetzt jede der einlaufenden Wellen genau ins Gesicht. Der Grund, warum der Kollege ausgestiegen ist, war mir auf Anhieb klar. Der hat genauso wie ich ab jetzt ne Menge Wasser schlucken müssen. Also meine Hauptaufgabe war Konzentrieren, damit mir nicht schlecht wurde oder ich Schnappatmung bekomme. Klappte so einigermaßen, aber nicht richtig gut.

…meine Hauptaufgabe war Konzentrieren, damit mir nicht schlecht wurde oder ich Schnappatmung bekomme…

Irgendwie habe ich mich aber zusammengerissen, bis wir die Raupe aufgelöst und uns zu einem Kreis verbunden haben. Alle einhaken und ausruhen. Ich musste mich mittlerweile echt konzentrieren, wenn weitere Wellen über mein Gesicht liefen. An alle, die noch nicht so einen Kurs gemacht haben. Ich schwöre, ich gehe erst ins Wasser, wenn nur noch der Mast des Bootes rausguckt. Und dann klammer ich mich an die Spitze so lange es geht. 

Weißes Wasser
Weißes Wasser

Die sechs Rettungsschwimmer stellten sich jetzt als echte Psychologen raus. Die junge Frau hinter mir verwickelte mich und meinen “Kreisnachbarn” immer wieder in Gespräche, so dass sich mein Zustand schnell und merklich verbesserte.

Zwischendurch gabs immer wieder “Weißes Wasser”. Da bewegt man sich etwas auseinander und hält sich nur noch an den Händen fest. Dann wird gestrampelt, was das Zeug hält. So soll einen der Hubschrauber besser sehen können.

Rettungsinsel drehen und einsteigen

Die nächste Übung war Rettungsinsel drehen. Jeder einzelne musste alleine zur Rettungsinsel schwimmen und sie dann umdrehen. Ich muss nicht erwähnen, dass ich wieder der letzte war.

Also 20 Meter hinschwimmen und erst einmal festhalten. Klar, alle Wellen die gegen die Insel laufen, schlagen dir gleich zurück ins Gesicht. Dann den Eingang suchen, da sind Gurte an denen man sich festhalten kann. Fuß in eine der unteren Schlaufen und dann hochziehen. Echt anstrengend mit den ganzen Klamotten an. Wenn die Insel umkippt schnell zur Seite, damit man die Insel nicht auf seinem Kopf wiederfindet. Ja und dann rein in das gute Stück. Echt nicht einfach bei Wellen. Gerne hätte ich mich nach der Besteigung der Insel wenigstens zwei Minuten ausgeruht. Aber weit gefehlt, mein Rettungsschwimmer drängte zur Eile. Also direkt rein ins Wasser und dann zurück die 20 Meter zur Gruppe schwimmen. Jetzt aber zurück in den Kreis und ausruhen.

Ich bin raus

Leider schon wieder Pustekuchen. Als ich gerade da war, mussten alle wieder zurück zur Insel. So langsam nahm das Unheil für mich seinen Lauf. Schon beim Schwimmen spürte ich so ein Beklemmungsgefühl. An der Insel angelangt konnte ich mich erstmal nur noch festklammern und versuchen so wenig von dem zurückschwappenden Wasser zu schlucken wie es geht. Ich war recht weit weg vom Eingang und wurde wieder direkt aufgefordert mich in Richtung Eingang zu bewegen. Da die Beklemmungen immer stärker wurden und ich so langsam unsicher wurde, was das sein könnte, bleib ich erst einmal wo ich war. Irgendwann habe ich aufgegeben und mich von einem Schwimmer, unseren Feuerwehrmann, an Land bringen lassen. Die nächsten Minuten saß ich zusammen mit einem anderen, dem es noch schlechter ging als mir, am Rand des Beckens und beobachtete, wie die anderen in einer Hubschraubersimulation aus der Insel befreit wurden. Mein Zustand wurde nicht wirklich besser.

Trotzdem wollte ich noch nicht komplett aufgeben und bin bei der folgenden Übung wieder eingestiegen. Noch einmal durchs ganze Becken schwimmen und dann eine Strickwand hochklettern. Irgendwie bin ich da noch hoch und dann nichts wie raus aus den nassen und auf meine Brust drückenden Klamotten.

So einigermaßen erholt habe ich mich erst am Abend auf der Couch wieder, als ich in einer Wolldecke eingewickelt entspannen konnte. 

Erste Hilfe auf See

Aber vorher gings noch zum Mittagessen und zum erste Hilfe Training. Zwei Rettungssanitäter haben uns auf die wichtigsten Dinge, die auf einem Boot zu erwarten sind, vorbereitet. Stabilisierung eines Verletzten, Atemwege frei machen, Wiederbelebung, Unterkühlung, starke Blutungen und Knochenbrüche. Spannend und einprägsam vorgeführt. 

Leckabwehr

Es folgte noch die Leckabwehr, wo wir einen alten Kahn mit Holzstücken abdichten mussten. Sehr spannend. Wäre ich z.B. nie drauf gekommen, eine Rettungsweste in ein Leck zu stopfen und auszulösen. Interessant war eine Leckpaste, die man überall im Zubehör bekommt. Einfach auf ein kleines Leck aufstreichen und dicht. Cooles Zeug.

Leckstopfen
Leckstopfen

Die letzte Stunde gehörte wieder Tobias, der uns noch einmal seine Erfahrungen mit Rettungswesten dargelegt hat und insgesamt eine nette Zusammenfassung brachte. Dann völlig fertig ab nach Hause.

War’s gut? – Ja, sehr!!!

Der Kurs hat Katrin und mir so richtig gut gefallen. Wir haben sehr viel gelernt und es war ein tolles Erlebnis jenseits der Komfortzone! Wir würden jeden, der auf dem Meer unterwegs ist, wenn es auch nur die westliche Ostsee ist, so einen Kurs empfehlen. Das sind wirklich gut angelegte 300 Euro. Hört sich viel an, aber für die Leistungen, die erbracht wurden und die große Anzahl an Leuten die uns betreut haben schon fast wieder günstig. Wer Hochseeregatten mitfahren möchte, kommt eigentlich eh nicht um den Kurs herum, für den es am Ende auch noch einen Schein gibt.

Schein
Schein

Meine Beklemmungen waren übrigens kein Herzinfarkt oder ähnliches. Ich bin gleich zum Arzt gerannt und habe mich untersuchen lassen. Ich war einfach nur zu schlapp und zu unsportlich. Gebracht hat’s mir am Ende doch noch etwas. Ich bin fleißig am Abnehmen und Sport machen, damit ich beim nächsten Mal wieder durchhalte.

Frühstück an Bord
ThomasDeckshand, Maschinist, Bootsmann

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